Ich bin ja eigentlich kein Fußballfan. Das liegt nicht am Fußball selbst. Der Ball kann nichts dafür. Er ist rund, bemüht sich redlich und wird trotzdem neunzig Minuten lang von schwitzenden Männern verfolgt, die offenbar alle dringend irgendwohin müssen und dabei gerne möglichst oft gegen das Leder treten.
Mir fehlt für den normalen Ligabetrieb jene innere Erregungsbereitschaft, die andere Menschen bereits entwickelt haben, wenn der Tabellenachte gegen den Tabellenzwölften spielt. Ich sehe dann Männer rennen, fallen, wieder aufstehen, sich beschweren und gelegentlich überraschend kunstvoll eine Frisur tragen, die selbst nach einem Kopfball noch aussieht, als hätte sie einen eigenen Werbevertrag.
Aber eine Fußball-Weltmeisterschaft ist natürlich etwas völlig anderes.
Sobald eine WM beginnt, verwandelt sich das Land. Menschen, die sonst beim Anblick einer Deutschlandfahne sofort eine historische Podiumsdiskussion ansetzen würden, befestigen plötzlich drei davon am Kleinwagen. Bäckereien verkaufen Weltmeisterbrötchen, Metzgereien bieten Fan-Wurst an, und selbst der Zahnarzt fragt nicht mehr: "Tut das weh?", sondern: "Was tippen Sie heute Abend?"
Und dann dieses Lebensgefühl. Die Straßen sind voller Menschen, die ein gemeinsames Ziel haben, ohne dass dafür ein Formular ausgefüllt werden muss. Fremde liegen sich in den Armen, Nachbarn sprechen miteinander, und für einige Wochen gilt es nicht als verdächtig, wenn jemand singend durch die Innenstadt läuft und dabei eine Fahne als Kleidungsstück benutzt.
Am meisten mag ich den Moment, wenn ein Tor fällt.
Ein Tor ist ja objektiv betrachtet nur ein Ball, der eine Linie überquert. Aber emotional ist es der kurze Beweis, dass das Leben doch einen Plan haben könnte. Sekundenlang springen Millionen Menschen gleichzeitig auf, schreien, umarmen den falschen Sitznachbarn und verschütten Getränke, die sie zu völlig unangemessenen Preisen gekauft haben.
In diesem Augenblick ist niemand Steuerberater, Abteilungsleiter oder der Mann aus dem dritten Stock, der immer die Biotonne falsch befüllt. Alle sind einfach glücklich. Sogar Menschen, die ihre Freude sonst nur äußern, wenn sie sagen: "Kann man nicht meckern", tanzen plötzlich auf Tischen. Persönlich mache ich sowas nicht, schon deswegen, weil die Tische meistens nicht stabil genug sind.
Natürlich verstehe ich viele Regeln weiterhin nicht. Abseits zum Beispiel. Jeder erklärt es anders, meistens mit Salzstreuern, Bierdeckeln oder belegten Brötchen, die sie irgendwie auf dem imaginären Spielfeld auf einem Wohnzimmertisch bewegen. Am Ende weiß ich nur, dass irgendwann eine Fahne hochgeht und alle wütend werden.
Doch das ist nebensächlich. Bei einer WM geht es nicht nur um Fußball. Es geht um Hoffnung, Gemeinschaft und die wunderbare Möglichkeit, für neunzig Minuten so zu tun, als ließe sich die Welt durch einen präzisen Pass in den Strafraum in Ordnung bringen.
Ich bin also kein Fußballfan. Aber wenn ein Tor fällt, bin ich trotzdem begeistert.
Lippeportal
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