Ende Juni. Das Jahr steht am Spielfeldrand, trinkt lauwarmes Leitungswasser und fragt sich, warum es schon wieder nach Verlängerung aussieht. Sechs Monate sind fast vorbei, was kalendarisch betrachtet ein erstes Résumé nahelegt und emotional ungefähr dem Moment entspricht, in dem man beim Aufräumen einen ungeöffneten Steuerbescheid findet: Folgerichtig, aber auch überraschend und irgendwie unerfreulich.
Das erste Halbjahr ist diese sonderbare Phase, in der die guten Vorsätze noch nicht offiziell gescheitert sind, sondern nur "strategisch neu terminiert" wurden. Der Heimtrainer dient als Wäscheständer mit Pulsuhr. Das Tagebuch zur Selbstreflexion wurde am 3. Januar begonnen und am 4. Januar wegen überhöhter Selbsterkenntnis eingestellt. Und die Idee, weniger Zeit am Handy zu verbringen, wurde konsequent über eine App überwacht, die inzwischen mehr Daten über uns hat als unsere engsten Freunde und vermutlich auch mehr Mitleid.
Beruflich war es ebenfalls ein intensives Halbjahr. Meetings wurden abgehalten, Protokolle geschrieben, To-do-Listen verschoben und Visionen entwickelt, die so weit in die Zukunft reichen, dass selbst Science-Fiction-Autoren höflich um eine Quellenangabe bitten würden. Besonders beliebt blieb die Formulierung "Wir müssen das ganzheitlich denken", was meistens bedeutet: Niemand weiß, wer zuständig ist, aber alle nicken sehr erwachsen.
Auch privat wurde viel erreicht. Man hat Menschen getroffen, die man unbedingt wiedersehen wollte, und andere, bei denen man sich vornahm, künftig häufiger "Da bin ich leider schon verplant" zu sagen, auch wenn der Plan nur aus Sofa, einer Netflix-Serie und Schweigen besteht. Man hat Rechnungen bezahlt, Passwörter vergessen, Passwörter neu vergeben und dabei gelernt, dass "Sonnenblume123!" offenbar nicht mehr die letzte Bastion menschlicher Sicherheit darstellt.
Und jetzt also Bilanz. Was bleibt? Ein halbes Jahr Erfahrung, ein paar angefangene Projekte, mehrere gute Ausreden und die leise Erkenntnis, dass unser Leben nicht linear verläuft, sondern eher wie ein Einkaufswagen mit einem defekten Rad: Man kommt voran, aber nur selten in der vorgesehenen Richtung.
Doch keine Sorge. Das zweite Halbjahr steht bereit, frisch gebügelt und völlig ahnungslos. Noch kann alles besser werden. Oder zumindest anders.
Raff dich auf, geh ins Freibad und iss eine Pommes, die dich an dien Kindheit erinnert. Das macht glücklich und die Sommermonate so schön. Und denk dran: In sechs Monaten ist schon wieder Weihnachtszeit, und dann fällt der Rückblick hoffentlich enthusiastischer aus.
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