Es ist nicht so, dass ich nichts zu sagen hätte. Im Gegenteil. Ich hätte sehr viel zu sagen. Nur leider ist die Welt inzwischen so laut, dass man mit einem normalen Satz kaum noch durchkommt. Früher sagte man: "Ich finde, das ist kompliziert." Heute muss man mindestens rufen: "SKANDAL!", sonst denkt der Algorithmus, man sei eingeschlafen.
Dabei möchte ich eigentlich nur ein paar Dinge loswerden, die sich in mir angesammelt haben wie Pfandflaschen im Flur: Man sieht sie täglich, man weiß, man müsste sich kümmern, aber irgendwie hofft man, dass Besucher sie für eine Installation halten.
Erstens: Ich bin müde von der ständigen Aufforderung, zu allem sofort eine Meinung zu haben. Nicht, weil ich keine hätte. Ich habe sogar mehrere, manche davon widersprechen einander, was sie ausgesprochen menschlich macht. Aber inzwischen wird man zu allem befragt, als säße man in einer Talkshow, in der plötzlich jemand durch die Küchentür kommt und sagt: "Ganz kurz: Ihre Haltung zu Wärmepumpen, Nahost, Veganismus, Büropräsenz und Hafermilch?"
Ganz kurz? Nichts davon ist ganz kurz. Nicht einmal Hafermilch.
Heute wird jeder Satz sofort einem Lager zugeordnet. Man sagt: "Ich weiß es nicht genau", und das Internet reagiert, als hätte man öffentlich erklärt, man vertraue bei Blinddarmentzündungen eher dem Mondkalender als der Medizin.
Dabei ist "Ich weiß es nicht genau" ein sehr unterschätzter Satz. Er ist bescheiden, hygienisch und sollte auf T-Shirts gedruckt werden. Neben: "Ich habe dazu noch nicht genug gelesen."
Ich hätte außerdem gern die Langsamkeit zurück. Nicht die Langsamkeit beim Kundenservice, die haben wir ja noch. Ich meine die gute Langsamkeit. Die, bei der Gedanken erst einmal in einem Sessel Platz nehmen dürfen, bevor sie in die Welt hinausmarschieren. Heute wird jede Regung sofort veröffentlicht. Kaum hat man einen Gedanken, steht er schon im Netz, trägt Sonnenbrille und behauptet, er sei eine Analyse. Ich vermisse das Recht, mich unbedeutend zu irren.
Und wir sollten aufhören, jede Lebensentscheidung zur Weltanschauung aufzublasen. Jemand isst Fleisch, jemand anders isst keines. Jemand fährt Auto, und jemand anderes fährt Fahrrad und redet dabei so moralisch, dass selbst die Klingel sich schämt. Aber das ist OK. Nicht alles ist ein Manifest. Manchmal ist ein Cappuccino einfach ein Cappuccino und kein Beitrag zur europäischen Identitätskrise.
Vor allem aber unterschätzen wir die Würde des Alltäglichen. Wir reden über Transformation, Disruption, Zeitenwende und Resilienz, aber niemand würdigt den Menschen, der hektisch den Biomüll runterbringt, weil der Beutel bereits Geräusche macht. Das ist Zivilisation. Zivilisation beginnt dort, wo jemand sagt: "Ich mach das jetzt", obwohl es unangenehm ist und niemand applaudiert.
Vielleicht ist vieles einfacher, als wir es darstellen: freundlich bleiben, auch wenn man recht hat. Zuhören, auch wenn man schon eine Antwort vorbereitet hat. Sich entschuldigen, ohne daraus eine Pressekonferenz zu machen.
Was ich aktuell zu sagen hätte, ist also weniger eine große Botschaft als eine Bitte: Können wir wieder etwas unaufgeregter werden? Nicht gleichgültig. Nicht bequem. Nicht zynisch. Nur unaufgeregter. Können wir anerkennen, dass Komplexität kein Verrat ist? Dass Zweifel kein Charakterfehler ist? Dass man eine Haltung haben kann, ohne daraus eine Festung zu bauen?
Ich möchte Gespräche, in denen nicht jeder Satz wie ein Bewerbungsschreiben fürs eigene Milieu klingt. Ich möchte Menschen, die nicht permanent performen, wie informiert, sensibel, kritisch, gesund, erfolgreich oder erschöpft sie sind.
Und ja, ich möchte auch, dass Geräte weniger piepen. Das ist kein politisches Programm, aber ein Anfang. Das wäre schon viel und wirklich entspannend.
Lippeportal
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