Lippeportal - April 2026

Zeitumstellung ist der Jetlag des kleinen Mannes

April 2026

Ende März wurde die Zeit mal wieder umgestellt. Mal wieder. Pünktlich zu jener Jahresphase, in der der April bereits die Ärmel hochkrempelt, um uns mit Wetterlaunen zu verprügeln, und man morgens ohnehin nicht weiß, ob man mit Winterjacke, Regenmantel oder blanker Lebensmüdigkeit das Haus verlassen soll. Kaum hat man sich innerlich auf Frühling verständigt, greift irgendein kalendarischer Oberamtsrat ins Uhrwerk der Republik und erklärt: So, liebe Leute, ab jetzt bitte eine Stunde müder.

Sommerzeit, heißt das dann. Schon das Wort ist eine amtlich genehmigte Unverschämtheit. Sommerzeit, da fehlt nur noch der Sommer. Man schaut Anfang April aus dem Fenster, irgendwo zwischen Detmold, Lage, Lemgo oder Bad Salzuflen, und sieht ein Wetter, das aussieht, als hätte es selbst keine Lust auf sich. Ein bisschen Nieselregen, ein bisschen Grau wie vergessenes Abspülwasser, dazu ein Wind, der selbst den tapfersten Osterglocken die Existenzfrage stellt. Aber offiziell ist jetzt alles heller, freundlicher, lebenswerter. Deutschland liebt ja Zustände, die vor allem auf dem Papier angenehm sind.

Wer profitiert von dieser Übung? Niemand mit Beruf, Kindern, Kreislauf oder Restvernunft. Kein normaler Mensch steht montags nach der Umstellung auf und sagt: "Herrlich, mein Biorhythmus ist ruiniert, aber dafür kann ich abends länger erschöpft ins Dämmerlicht starren." Die Zeitumstellung ist der Jetlag des kleinen Mannes. Früher musste man dafür wenigstens nach Übersee fliegen. Heute reicht es, wenn man in Lippe einschläft und in Lippe als biologischer Wackelpudding wieder aufsteht.

Natürlich wollte man diesen Unsinn längst abschaffen. Europa war sogar einmal verdächtig nah an einer vernünftigen Entscheidung. Dann passierte das, was immer passiert, wenn Vernunft auf Verwaltung trifft: Es wurde geprüft, abgestimmt, vertagt und in eine jener endlosen Schleifen überführt, in denen Vorhaben so lange bearbeitet werden, bis niemand mehr weiß, warum sie jemals sinnvoll schienen. "Komplexität" nennt man das dann. Das ist das höfliche Wort für: Nicht einmal das Naheliegende kriegen wir geregelt.

Und so schleppt man sich durch die ersten Apriltage Richtung Ostern, zwischen Schokoladenhasen, Frühlingsdeko und dem vagen Wunsch, wenigstens einmal im Jahr nicht mutwillig aus dem eigenen Schlaf geprügelt zu werden. Man wünscht sich ja längst eine ganz andere Zeitumstellung: nicht von zwei auf drei Uhr, sondern zurück in die 80er oder 90er Jahre. Gewiss, es war nicht alles besser. Vieles war bloß aus Plastik und hatte eine zweifelhafte Frisur, die nur mit zu lauter Musik und einem Jahres-Abo für Haarspray zu erklären war.

Aber die Welt war leiser. Kein Mensch wurde im Halbstundentakt von seinem Telefon angeschrien, niemand musste morgens erst prüfen, ob über Nacht schon wieder drei Krisen, vier Empörungswellen und fünf neue Passwörter dazugekommen waren. Man konnte sich noch gepflegt langweilen, ohne dass gleich ein Algorithmus eingeschnappt war. Tja, eine Zeitmaschine müsste man haben.

Ich setze mich jetzt an die Straße, und warte darauf, dass ein DeLorean vorbeifährt.
Vielleicht nimmt er mich ja mit. Irgendwo in die 80er.

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