Es beginnt immer gleich: Der Januar steht vor der Tür wie ein schlecht gelaunter Versicherungsvertreter mit einem Stapel Verträge, die man nie unterschreiben wollte. Der Dezember hat uns weichgeklopft mit Lichterketten, Lebkuchen und Alkoholpegeln, die uns glauben ließen, dass 2026 unser Jahr wird. Schlanker, smarter und strukturierter werden wir diesmal mit Sicherheit eine generalüberholte Version unserer selbst. Upgrade 2.0. Oder mindestens zweimal entkalkt.
Doch schon am dritten Januar liegt der gute Vorsatz wie eine vergessene Socke im Wohnzimmer. Die große Umwälzung? Blieb irgendwo zwischen Raclette-Resten, Kalenderchaos und der ersten E-Mail aus dem Büro stecken. Wir wollten meditieren, aber dann kam was wichtiges dazwischen. Was war das noch gleich? Vermutlich DHL, ein Infekt, ein Energieversorger, der dreimal so viel will wie letztes Jahr, und die Weltpolitik, die weiterhin aussieht, als würde sie von einer hyperaktiven Hyäne gemanagt.
Während wir also versuchen, unsere Bildschirmzeit zu reduzieren, sehen wir in den Nachrichten: Krieg, Klimakollaps und künstliche Intelligenz mit Burnout-Tendenzen. Der Kapitalismus feiert sich selbst, der Planet schwitzt. Und wir? Wir zählen Kohlenhydrate und Instagram-Follower.
Vorsätze? Ach, sie sind das, was man fasst, wenn man den Zustand der Welt für eine Sekunde vergisst. Kleine private Fluchten ins Reich der Selbstoptimierung. Ein bisschen Joggen gegen den Kontrollverlust, ein bisschen Selleriesaft gegen die Ohnmacht. Hauptsache, irgendetwas ist heilbar.
Doch seien wir ehrlich: Der gute Vorsatz ist längst ein schlechter Witz. Denn der Alltag ist nicht kooperativ. Er interessiert sich weder für unser Ernährungstagebuch noch für unsere To-do-Liste mit der Überschrift "Neues Ich". Stattdessen bombardiert er uns mit geöffneten Tabs, klebrigen Schulbrotdosen und der Erkenntnis, dass man beim Yoga auch einfach nur starr dasitzt und an Käsebrote denkt.
Und dann kommt der Moment (meist so um den 17. Januar herum) in dem wir akzeptieren, dass unsere Vorsätze bereits zu Nebensätzen geworden sind. Eingeschoben irgendwo zwischen "Ich wollte ja eigentlich..." und "Aber dann kam...". Zwei Wochen später sind sie Fußnoten. Unten auf der Seite, in kleiner Schrift.
Vielleicht ist das gar nicht schlimm. Vielleicht liegt die eigentliche Weisheit des Januars darin, zu erkennen, dass das neue Jahr keine Generalprobe für ein besseres Leben ist, sondern einfach nur ein weiteres Kapitel in diesem absurden Roman namens Realität.
In diesem Sinne: Vergesst die sechs Kilo weniger und die 10.000 Schritte täglich. Versucht stattdessen, die Nachrichten nicht mehr beim Zähneputzen zu lesen. Feiert die Tage, an denen ihr niemanden anschreit. Und wenn ihr schon was optimieren wollt, dann fangt mit eurem WLAN an. Das ist wenigstens machbar. Der Januar kommt wieder. Der Wahnsinn bleibt. Wir auch. Irgendwie.
Lippeportal
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