Lippeportal - Oktober 2025

Der Tag, an dem keiner nach meinem Plan lief

Oktober 2025

Ich hatte Erwartungen. Große sogar. Heute sollte ein guter Tag werden. Die Kaffeemaschine sollte beim ersten Knopfdruck funktionieren, der Bus sollte pünktlich sein, Menschen sollten sich in Gesprächen als vernünftig, reflektiert und im Großen und Ganzen als denkende Wesen erweisen. Stattdessen: Die Kaffeemaschine röchelte nur kurz, der Bus kam mit "technischer Störung" gar nicht, und der Typ an der Ladenkasse hielt ein Plädoyer über den Zusammenhang zwischen Gluten und der Weltverschwörung.
Es ist leicht, enttäuscht zu sein. Wirklich leicht. Alles, was man dafür braucht, sind eine Erwartung und irgendein anderer Mensch. Denn das größte Missverständnis in der Geschichte der Menschheit ist nicht die Erfindung des Thermomix oder der Versuch, Steuerformulare als "bürgernah" zu gestalten. Nein, es ist der Glaube, dass die Welt im Einklang mit meinem Innenleben funktioniert.
Da sitze ich also, mit meinem enttäuschten Blick auf diese widerspenstige Realität und frage mich: Wie kann es sein, dass so viele andere nicht meiner Meinung sind? Haben die denn keine Augen im Kopf? Keine Ohren, kein Herz? Ich bin doch ganz offensichtlich im Recht! Und dann murmelt irgendjemand: "Geh raus, das Wetter ist schön." Unverschämt. Aber er hat recht.
Denn während ich versuche, gedanklich eine perfekte Welt zu modellieren, in der alle exakt so ticken wie ich, geht draußen die Welt einfach weiter. Ganz ohne mich. Der Tag verstreicht, die Sonne scheint auf mein belegtes Käsebrötchen, bis sich der Rand wellt, und draußen freut sich ein Kind über eine Pfütze, in die es gerade mit voller Wucht springt. Und ich sitze da, mit meinen korrekt sortierten Argumenten und den bitteren Aromen enttäuschter Erwartungen. Vielleicht ist das der Moment, in dem man sich fragt, ob es sich lohnt, sich aufzuregen. Ob die Entrüstung über "die anderen", diese gedanklich nicht vollständig synchronisierten Wesen, nicht am Ende mehr Energie frisst als ein Nachmittagsausflug mit Aussicht auf ein Eis.
Die Wahrheit ist: Die Welt ist nicht gegen mich. Sie ist nur nicht ich. Und das ist, bei näherer Betrachtung, gar nicht so schlecht. Denn wenn schon jeder wie ich denkt, wer würde dann all die anderen spannenden Fehler machen?
Manchmal liegt die Kunst nicht darin, die Welt zu kontrollieren, sondern sich von ihr überraschen zu lassen. Statt zu fragen: "Warum sind die nicht wie ich?", kann man auch fragen: "Was machen die denn da? Und wie kommt man darauf?" Und wenn man ganz gut ist, dann macht man aus einem absurden Moment einen wunderbaren, einen kleinen, unscheinbaren, scheinbar belanglosen, aber bedeutenden Augenblick.
Zum Beispiel den, in dem man merkt, dass die Kaffeemaschine kaputt ist, aber der Espresso bei der kleinen Bäckerei an der Ecke noch besser schmeckt.
Es sind diese kleinen, schönen Dinge, die man groß machen kann. Wenn man aufhört zu erwarten, dass alles passt. Wenn man anfängt, sich zu wundern, wie viel trotzdem funktioniert. Trotz anderer Meinungen. Trotz technischer Störungen.
Trotz allem. Genießen wir es einfach.

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